Wärmeinsel Innenstadt (2018)

Erschienen im Kölner Stadt-Anzeiger vom 5. September 2018

Schatten und Verdunstung sind die wichtigsten Verbündeten der Stadtplaner im Kampf gegen die Folgen des Klimawandels

Fragt man Christian Hartwig, Abteilungsleiter im Kölner Umweltamt und zuständig für die Stadtplanung, nach der Zukunft der Stadt im Angesicht des Klimawandels, antwortet er mit ernüchterndem Realismus:

„Abwenden geht nicht. Es wird wärmer. Wir werden unseren
Tagesablauf umstellen müssen.“

Seine Prognose für Köln in den heißen Sommern der Zukunft: lange Mittagspausen, ähnlich wie heute im Mittelmeerraum. Damit das Leben in der Stadt aber überhaupt erträglich bleibt, wird sie sich verändern müssen. Das ist die große Herausforderung, vor der die Planer schon jetzt stehen. Wohngebiete, Viertel und Stadtstrukturen müssen an das künftige Klima angepasst werden. Die Hauptprobleme sind schnell benannt. Sie sind weitgehend unstrittig: Starkregen und Wärmebelastung. Besonders warme Nächte, in denen die Luft nicht unter 20 Grad abkühlt, werden häufiger. Für alte und kranke Menschen wird das zur gefährlichen zusätzlichen Belastung.

Nicht alle Stadtteile werden allerdings gleich betroffen sein. Es gibt einen Zusammenhang mit der Dichte der Bebauung: Je mehr Beton, desto heißer. „Die Innenstadt ist eine Wärmeinsel“, sagt Hartwig. Für die Stadtplaner ergibt sich daraus die Vorgabe, Oberflächen, wo es nur geht, mit Wasser und Grün zu gestalten. Verschattung durch Bäume, größtmögliche grüne Flächen zwischen Gebäuden, Platz, um Regenwasser versickern zu lassen statt es in die Kanalisation zu leiten, Parks, Bäche, Brunnen, Wasserspiele – der kühlende Effekt, der entsteht, wenn Wasser verdunstet, ist einer der größten Verbündeten im Kampf gegen die Überhitzung der Stadt.

Wenn Anne Luise Müller, Leiterin des Stadtplanungsamtes, über die „grünen Ringe“ der Stadt spricht, ist ihr deshalb die Hoffnung, die sie in die vergleichsweise günstige Struktur der Stadt setzt, deutlich anzumerken.

„Das ist ein großes Pfund“,

sagt sie über diese Grüngürtel und die Grünzüge, die wie Strahlen von innen nach außen führen. Sie können große Wassermassen aufnehmen und sorgen für Abkühlung an Ort und Stelle. Außerdem transportieren sie kühlende Frischluft, die auf den Äckern, Wiesen und in den Wäldern der Umgebung entsteht, ins Stadtinnere. Müller mahnt: Um diese Systeme zu erhalten, seien große Anstrengungen nötig. „Wir müssen die Grüngürtel schützen und ausbauen“, sagt sie und räumt gleichzeitig ein, dass der Druck groß ist.

Die Vorgaben für ihre Arbeit macht die Politik. Müller und ihre Mitarbeiter legen fest, wo gebaut, wo verdichtet werden darf, wo neue Straßen, Gewerbe- und Industriegebiete entstehen. Die Amtsleiterin verweist auf den gesetzlichen Auftrag, der für die gesamte Stadtverwaltung gilt: Die Kommune muss für gesunde Wohnverhältnisse sorgen. Große Freiflächen könnten dazu beitragen. In einer wachsenden Stadt mit steigenden Mieten, teuren Bodenpreisen und großer Nachfrage nach neuen Wohnungen ist das aber schwierig. Von „Zielkonflikten“ spricht die Forscherin Veronika Zettl vom FraunhoferInstitut für Arbeitswirtschaft und Organisation in Stuttgart. Sie untersucht die Bedingungen für „klimaresiliente Stadtentwicklung“, also wie das Zusammenwirken von Politik, Bürgern, Wirtschaft und Verwaltung die Widerstandsfähigkeit von Städten im Klimawandel stärken kann. Die Anpassung an künftige Klimabedingungen sei ohne Frage eine große Herausforderung – aber nicht allein aus technisch-baulicher Perspektive. „Es gibt vielfach schon Lösungen“, sagt sie. Eine Sammlung des Bundes zählt zahllose Maßnahmen aus Kommunen in ganz Deutschland auf. Fassadenbegrünung, Dachgärten, begrünte Innenhöfe, Versickerungsflächen zwischen Gebäuden und Frischluftschneisen gehören längst zum etablierten Werkzeugkasten der Stadtplaner, auch in Köln.

„Die Instrumente haben wir. Wir müssen sie nur konsequent anwenden“,

sagt auch Stadtplanerin Müller. Das Landesumweltamt NRW stellte bereits 2013 eine Studie fertig zu zwei beispielhaften Kölner Baugebieten. Für die geplante Parkstadt Süd untersuchten die Forscher unter anderem, wie die Gebäude ausgerichtet sein müssen, damit sie Luft aus der Hauptwindrichtung passieren lassen. Müller setzt außerdem auf die Clusterung von Gebäuden – also darauf, Gruppen von Häusern kompakter zusammenzustellen, um zusammenhängende, „windoffene“ Zwischenräume zu vergrößern. Im Sürther Feld habe man das schon vor rund 15 Jahren versucht, damals allerdings noch mit Gruppen von Doppelhaushälften und Einfamilienhäusern, zwischen die immer wieder „grüne Finger“ ragen. Das treffe oft auf Widerstände von Grundstückseigentümern und Investoren, sagt Müller. „Natürlich möchten die ihre Flächen optimal nutzen.“ Ähnliche Konflikte gebe es bei der Planung von neuen Gewerbegebieten.

Auch dem Ziel, den angespannten Wohnungsmarkt mit ausreichend neuen Wohnungen zu entlasten, steht die weniger dichte Bebauung entgegen. Eine Alternative wäre, höhere Häuser zu bauen. Für die Politik heißt das in jedem Fall, dass sie zwischen kurz- und langfristigen Zielen, zwischen gemeinsamen Interessen und Rechten Einzelner vermitteln muss. Sowohl Müller als auch Forscherin Zettl sehen hier ein Problem. „Ich wünschte mir manchmal, dass wir das Freiraumthema ein bisschen stärker voranbringen“, sagt Amtsleiterin Müller vorsichtig. Vielleicht müsse man sich manchmal auch gegen eine Bebauung entscheiden. Konkreter wird sie nicht. An den Stadträndern im Süden und im Norden sollen mit Rondorf Nord-West und Kreuzfeld neue Wohngebiete für tausende Bewohner auf der grünen Wiese entstehen. Dort werden Freiflächen bebaut.

Dass sich allerdings neue Bebauung und positive Effekte für das Stadtklima nicht ausschließen müssen, zeigen die Großvorhaben, die auf den wenigen noch verbliebenen innerstädtischen oder innenstadtnahen Freiflächen möglich sind. Die Parkstadt Süd etwa soll auf dem heutigen, überwiegend asphaltierten Großmarktgelände entstehen, an ihrem Rand soll der Innere Grüngürtel bis an den Rhein verlängert werden. Auch im Deutzer Hafen und im Mülheimer Süden werden jeweils große Gewerbe- und Industrieareale in Wohngebiete mit vielfach höherem Grünanteil umgewandelt.

Zettl fordert allgemein „Priorität in der politischen Sphäre“ für die Anpassung der Städte an die Folgen des Klimawandels. „Es gibt viele engagierte Menschen in den Verwaltungen“, sagt sie. Die müssten aber auch entsprechend befähigt werden zu handeln, sagt sie mit Blick auf die Politik. Das müsse sich vor allem in den Planungsvorgaben, aber auch in der Ausstattung der Ämter mit finanziellen Mitteln und Personal niederschlagen. Denn, so stellt auch sie fest, trotz aller Anstrengungen würden die technischen Aspekte nur einen Teil des notwendigen Anpassungsprozesses ausmachen können. Der müsse deshalb so groß wie möglich ausfallen. Nur dann könnten Städte wie Köln sich so verändern, dass sie lebenswert bleiben.

„Wir brauchen in jeder Straße ein kleines Bächlein, aber auch die mittägliche Siesta“,

skizziert sie die Stadt der Zukunft.

 

Kölner Klima

Die durchschnittliche Temperatur in Köln fällt heute schon um ein bis zwei Grad höher aus als in der Umgebung. Prägend für das lokale Klima ist das Rheintal. Winde wehen durch die Stadt, ohne von natürlichen Erhebungen behindert zu werden. Stärkere Winde kommen aus Westen, stauen sich östlich des Rheins vor dem Bergischen Lands und sorgen dort für Regen und Abkühlung. Davon unterschieden werden Wetterlagen mit schwächeren Winden aus Süden, die entlang des Rheins kanalisiert werden. Besondere Bedeutung für die Abkühlung kommt laut einer Studie den Freiflächen um die Vororte im Osten und im Südwesten zu. (phh)

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