Präzise und mit voller Wucht: Cricket in Köln boomt dank Geflüchteter (2016)

Erschienen in Stadtrevue 08/2016

Ein abgeflachter Schläger und komplizierte Regeln: Cricket ist in Deutschland ein Nischensport. Doch jetzt erleben die Clubs großen Zulauf — von Geflüchteten aus Afghanistan, Bangladesch oder Syrien

Platzregen in Bocklemünd. Die Spieler hören auf zu werfen und rennen in einen grauen Metallcontainer, in dem Schutzausrüstung, Schläger, Handschuhe und Bälle lagern. Es wird eng. Hinten klettert jemand auf einen Berg aus Taschen, damit alle Platz finden. Die Spieler sprechen durcheinander — Urdu, Paschtu, Hindi, Englisch und Deutsch. Und keiner versteht alles. Trotzdem beginnt, während die Tropfen auf das Blech trommeln, das Geflachse, das Mannschaftssportler in jedem Land der Welt kennen: verbindende Albernheit in verschwitzten Trikots, für die man keine gemeinsame Sprache braucht. Dann hört der kurze Schauer auf.

»Baseball für Faule«, fasst einer
in Bocklemünd die Vorstellungen der
Deutschen von Cricket zusammen

Die weltweiten Fluchtbewegungen erreichen auch die Kölner Sportplätze, und Cricket, hierzulande bislang eine Randsportart, erfährt ungeahnten Zulauf. Das liegt an Menschen, die aus Afghanistan, Bangladesch, Indien, Sri Lanka oder Pakistan gekommen sind und ein besseres Leben suchen. Sie bringen ihre Vorliebe für einen Sport mit, den die britischen Kolonialherren vor langer Zeit in ihre Heimatländer exportiert haben. Weltweit gehört er zu den beliebtesten. In Deutschland, wo einer der ersten Fußballverbände auch für Cricket zuständig war, gibt es einen Ligabetrieb und Meisterschaften. Doch selbst vielseitig Sportinteressierte wissen kaum mehr über das Spiel, als dass die Regeln kompliziert sind und die Spiele Tage dauern können. »Baseball für Faule«, fasst einer in Bocklemünd die Vorstellungen der Deutschen von Cricket zusammen. Kann es sein, dass sich das gerade ändert?

Die Zahl der Spieler steigt, soviel steht fest. »Wir haben seit Oktober 2015 viele Anfragen von Helfern, die für Geflüchtete nach Cricket-Vereinen suchen«, sagt Paul Gibbon, Vorsitzender des »Cologne International Cricket Club« (CICC), der auf dem Fußballplatz in Bocklemünd trainiert. Anfangs war das ein Problem. Der Ansturm drohte die Kapazitäten des Vereins zu sprengen, der erst 2014 aus einem anderen Sportverein hervorgegangen ist. Inzwischen hat er 40 Mitglieder und die Herrenmannschaft besteht zur Hälfte aus Geflüchteten. Alle haben eine Spielerlaubnis. Was ihnen in Bocklemünd hilft: »Wir sind immer schon multikulti gewesen«, sagt der Engländer Gibbon. Niederländische Angestellte, indische Ingenieure und pakistanische Diplomatenkinder spielen nun mit Menschen in einem Team, die alles zurücklassen mussten.

Cricket ist immer beides: eine Verbindung
in die Heimat und nach Deutschland

Kapitän Tushar Marwaha

»Wenn wir verlieren, kommen wir nicht weiter«, schärft Kapitän Tushar Marwaha seinen Leuten ein und fragt, ob das jemand auf Urdu wiederholen kann. Am Wochenende steht ein Spiel an. In Deutschland wird meist eine auf wenige Stunden verkürzte Variante gespielt, eine klassische Partie kann dagegen mehrere Tage dauern. Das Spiel müssen sie gewinnen, wenn sie in die Bundesliga wollen. Und nicht weniger ist ihr Ziel. Marwaha ist in Deutschland geboren, seine Eltern stammen aus Indien, wo er als Kind eine Weile gelebt hat. »Cricket ist immer beides: eine Verbindung in die Heimat und nach Deutschland«, sagt der 22-Jährige. Die neuen Spieler hätten sich schnell zurechtgefunden, sagt er. »Und sie spielen von Herzen.« Marwaha weiß, dass das Training für die Geflüchteten vor allem Ablenkung bedeutet. »Für die, die in Heimen wohnen, ist das ein Segen«, sagt CICC-Vereinschef Paul Gibbon.

Said Ali aus Afghanistan lebt seit einem Jahr in einer Gemeinschaftsunterkunft in Langenfeld. Eine Fahrt zum Training und zurück kostet ihn zehn Euro. Wenn er es schafft, kommt er zweimal in der Woche. Said spielt seit seiner Kindheit Cricket. Seine Würfe sind hart und präzise, das kann die Mannschaft gut gebrauchen. Cricket sei sein »Lebenssport«, übersetzt ein Teamkollege.

Die Unterstützung von Stadtverwaltung und Sportverbänden für den fremden Sport ist indes begrenzt. Dass es in der Stadt überhaupt Punktspiele gibt, verdanken die Vereine einer Nacht-und-Nebel-Aktion. So erzählt es zumindest einer, der dabei war. Eine kleine Gruppe von Enthusiasten habe vor vielleicht zehn Jahren neben der Bezirkssportanlage in Chorweiler einen Pitch angelegt. So heißt die Mitte des Cricket-Spielfeldes. Eine offizielle Absprache gab es nicht. Steinplatten sorgen unter einer Kunstrasenmatte für festen Grund. Die Werfer schleudern den rund 160 Gramm schweren Ball mit einer speziellen Technik. Gute Bälle prallen mit viel Wucht flach oder plötzlich steil verspringend in Richtung des Gegenspielers, der ihn mit einem abgeflachten Schläger zu treffen versucht. Gelingt das, kommt Bewegung in die Feldspieler, die den Ball fangen und ihn zurück zum Pitch werfen.

Von einem Cricket-Boom wisse man
nichts, heißt es beim Stadtsportbund

Das Bezirksamt koordiniert inzwischen die Spielzeiten für den Pitch in Chorweiler. Doch immer wieder müssen Spiele abgesagt werden, weil ein Feld nicht für alle Vereine ausreicht. Das Sportamt prüft derzeit, ob eine Wiese in Porz für Cricket freigegeben werden kann. Dass ein Pitch angelegt wird, ist aber unwahrscheinlich. Die Fläche werde auch für andere Sportarten genutzt, so die Begründung. Beim Stadtsportbund, der die Interessen der Vereine vertritt, die sich ihm angeschlossen haben, heißt es, dass Cricket »nicht unbedingt eine deutsche Sportart« sei und Anfragen nach mehr Feldern nicht vorlägen. Von einem Cricket-Boom wisse man nichts. Ohnehin kämpfen Sportvereine hart um Spielfelder und Zuschüsse. »Unser Traum ist natürlich ein eigener Platz«, sagt Paul Gibbon vom CICC trotzdem.

Auch der Rest der Stadt könnte davon profitieren. Willkommenskultur findet beim CICC so pragmatisch wie wirksam statt. Trainer und Verantwortliche fordern von den Spielern Disziplin, Pünktlichkeit und Mannschaftsgeist. Beiläufig fließt ein wenig Landeskunde ein. »Wir haben erklärt, warum an Karfreitag keine Spiele stattfinden«, sagt Gibbon. Und Kapitän Tushar Marwaha erzählt, dass die Spieler sich gegenseitig bei Papierkram helfen würden. Auf dem Spielfeld sei zunächst ein wenig, nun ja, »Erziehung« nötig gewesen. Mit dem Schiedsrichter zu streiten, ist im organisierten Cricket verpönt, Gelbe und Rote Karten sind gar nicht vorgesehen. »Manche haben früher nur auf der Straße gespielt. Sie kennen das Spiel, aber nicht die Regeln«, sagt Gibbon. »Aber wir haben das im Griff.«

Manche Spieler ändern ihren Nachnamen,
um ihre Herkunft zu verbergen

Spieler Furqan Shah

Konfliktpotenzial birgt nicht nur das sichtbare Spielgeschehen. »Manche Spieler ändern ihren Nachnamen, um ihre Herkunft zu verbergen«, erzählt Furqan Shah. Er ist in Deutschland geboren. Sein Vater kam als UN-Angestellter aus Kaschmir, der umkämpften Grenzregion zwischen Indien und Pakistan. Furqan, der Urdu spricht und Hindi versteht, sagt, Sport und Politik solle man trennen, weil die Konflikte aus den Heimatländern auch im Exil eine Rolle spielen können. Offenbar gelingt das seinen Mitspielern ganz gut. Für Menschen, die mit Cricket einen Anker am Ende ihrer Flucht gefunden haben, kann der Sport ein Sprungbrett in die neue Gesellschaft werden. Das gilt auch für den zwölfjährigen Ahsen, der mit seinen Eltern aus Pakistan geflohen ist. Er darf bei den Herren trainieren, dank seines Talents. »Der kann wirklich etwas aus sich machen«, sagt Furqan ohne Neid. Allerdings rät er ihm zu weniger Cola und Pommes. Er weiß, wovon er spricht. Furqan hat früher Fußball gespielt. Irgendwann reichte seine Fitness nicht mehr für den deutschen Volkssport Nummer eins und er wechselte zum Cricket.

Text: Philipp Haaser  |  Foto: Dörthe Boxberg

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