Journalismus im Kosovo: Schreiben für die Zukunft (2011)

Erschienen als Leserartikel für Zeit Online am 19. April 2011. Basierend auf Recherchen im Sommer 2010 für eine Magisterarbeit an der Freien Universität Berlin (siehe Zur Person)

Studenten flanieren zur Mittagszeit über die brüchigen Bürgersteige des Universitätsviertels in Prishtinë. Die Straßen sind stark befahren, die Tische der umliegenden Cafés voll besetzt. Junge Kellner servieren Fast Food, Limonade und Macchiato, die kosovarische Cappuccino-Variante. Ein riesiger Flachbildschirm zeigt das Fernsehprogramm eines lokalen Senders: ein Modemagazin, der Ton ist abgedreht. Im Radio läuft türkische Popmusik. An der Theke liegen Tageszeitungen aus.

Fußgängerbrücke in der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica, im Norden des Kosovo
Fußgängerbrücke in der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica, im Norden des Kosovo

Auf den ersten Blick ähnelt das Kosovo anderen modernen Mediengesellschaften. Die Situation der Journalisten lässt sich aber nur schwer mit der ihrer Kollegen in anderen Ländern vergleichen. In den letzten Jahren wurde alles politisiert. Der Alltag ist dominiert vom Streit um den Status der unter internationaler Verwaltung stehenden Provinz, das Zusammenleben überschattet von den Folgen des ethnischen Konflikts. Die korrupte Elite des Landes hat die fragile Wirtschaft unter ihre Kontrolle gebracht. Was wollen und können kosovarische Journalisten unter diesen Bedingungen erreichen?

Üppiges Angebot

Direkt nach dem Endes des Krieges im Jahr 1999 begann die Vereinigung der europäischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkveranstalter (EBU) mit dem Aufbau des kosovarischen Radio- und Fernsehsenders RTK, finanziert aus Gebühren, die die Bevölkerung mit ihren Stromrechnungen zu entrichten hatte. Gleichzeitig trieben die US-amerikanische Hilfsorganisation USAID mithilfe der Soros-Stiftung die Einrichtung der privaten Sender KTV und RTV21 voran, sodass binnen kürzester Zeit drei landesweite Radio- und Fernsehsender ihren Betrieb aufnahmen. Daneben wurden Sendelizenzen für über Hundert lokale Rundfunkstationen erteilt, viele halten sich bis heute.

Auch die Presselandschaft blüht. Bei etwa 1,8 Millionen Einwohnern konkurrieren zurzeit neun Tageszeitungen mit einer täglichen Gesamtauflage von ungefähr 30.000 Exemplaren um Leser. Eine Zeitung kostet zwischen 10 und 30 Cent, nur ein Bruchteil der Einnahmen kommt also durch Verkaufserlöse zustande. Damit sind die Zeitungen des Landes finanziell von Anzeigenaufträgen abhängig – in einem wirtschaftlich mehr als schwierigen Umfeld.

Die offiziellen Angaben der Europäischen Kommission zur registrierten Arbeitslosigkeit liegen bei rund 40 Prozent (2009). Andere Quellen gehen von bis zu 70 Prozent Arbeitslosigkeit aus. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf wird auf knapp sieben Prozent des EU-Durchschnitts geschätzt, ein Lehrer verdient 150 Euro im Monat, ein Arzt 200 Euro. Mit dem allmählichen Abzug der Nato-Soldaten droht ein weiterer entscheidender Wirtschaftsfaktor wegzubrechen. Es ist unwahrscheinlich, dass das üppige Angebot an journalistischen Produkten in diesem Umfeld dauerhaft bestehen kann.

Das Büro des Thinktanks KIPRED liegt in einer Nebenstraße, nahe der Universität. Krenar Gashi ist 28 Jahre alt und einer der erfahrensten investigativen Journalisten im Kosovo. Mittlerweile pausiert er als Journalist und wurde vor Kurzem zum geschäftsführenden Direktor der sozialwissenschaftlichen Forschungsein­richtung ernannt.

„Alles hier ist on the record“, sagt Gashi auf Englisch, „und trotzdem ändert sich nichts.“ Was er meint, sind die „öffentlichen Geheimnisse“, die im Kosovo tatsächlich jeder kennt. Etwa, dass das Tankstellennetz rekordverdächtig dicht ist – auf sechs Kilometer Straße kommt eine Tankstelle. Das lässt sich weniger mit legalen wirtschaftlichen Aktivitäten erklären, als mit Geldwäsche. Oder dass im Jahr 2004 am Flughafen in der Hauptstadt Prishtinë ungefähr 500 Mitarbeiter beschäftigt waren – gemessen am Passagieraufkommen doppelt so viele wie nötig. Oder dass die 700 Millionen Euro, die in die zwei Kohlekraftwerke des Landes investiert worden sind, nicht dazu beigetragen haben, dass auch nur ein Tag ohne Stromausfall vergeht, geschweige denn, dass eine stabile, flächendeckende Stromversorgung gewährleistet ist – für ausländische Investitionen eine notwendige Voraussetzung. Journalisten haben diese Missstände hinlänglich bekannt gemacht und öffentlich angeprangert. Konsequenzen hatten diese Berichte keine.

Nischen- und Minderheitenprogramme

Am Ende einer Straße im Basarviertel von Prishtinë liegt das Gelände des öffentlich-rechtlichen Rundfunksenders RTK. Davor stehen vereinzelt Plastikstühle auf einem ungemähten Rasenstück. Auf einem davon sitzt Mentor Shalla, mit seinen 34 Jahren eine jugendliche Erscheinung. Er ist stellvertretender Generaldirektor des Senders. Mit leiser Stimme entschuldigt er sich für sein Englisch und beschreibt die Arbeit von Journalisten: „Journalisten im Kosovo finden jeden Tag neue Themen. Weil es Millionen ungelöste Probleme gibt. Das Land befindet sich noch im Aufbau, seit der Unabhängigkeit sind gerade einmal drei Jahre vergangen.“

Shalla steht für den Umbruch, der mit dem Krieg begonnen hat. Im Krieg hatte er als freier Journalist gearbeitet und war später beim Aufbau des Senders dabei. Er wurde Anfang des Jahres 2009 vom Posten des Nachrichtenchefredakteurs enthoben. Das zu dieser Zeit noch aus internationalen Vertretern bestehende Aufsichtsgremium des Senders wollte damit etwas gegen die zunehmend regierungsfreundliche Berichterstattung unternehmen und vermutete, Shalla stehe der regierenden PDK nahe. Nachdem das Board unter Aufsicht der Regierung mit lokalen Vertretern neu besetzt worden war, erhielt er seinen Posten zurück. Der Sender steht der regierenden Partei mittlerweile näher als je zuvor, sagen Beobachter. Denn das Verfassungsgericht hat die Finanzierung über Gebühren via Stromrechnung gekippt. Der Haushalt des Senders wird nun nur noch mit sporadischen offiziellen Zuschüssen bestritten.

„Alles ist möglich“

Für den Sender RTK arbeitet auch Anamari Repic (34). Sie moderiert und produziert die serbischsprachige Sendung Sve je moguće (Alles ist möglich), die vom progressiven Belgrader Sender B92 übernommen und auch in Serbien ausgestrahlt wird. Mit der Sendung wird ein Teil der für den RTK vorgeschriebenen Quote für Minderheitenprogramme erfüllt. Serbische und albanische Politiker sowie Abgeordnete internationaler Organisationen stehen in der Sendung den serbischen Studiogästen Rede und Antwort. Objektivität heißt für Repic, alle Seiten der serbischen Gemeinschaft zu repräsentieren, auch die leisen Stimmen. „Vor allem möchte ich gut informieren“, sagt sie. Sie gibt aber unumwunden zu, dass sie eine Agenda verfolgt: Sie will die aktive Beteiligung der serbischen Minderheit am Zusammenleben fördern.

Aus der Sicht vieler Menschen in Serbien bedeutet die Zusammenarbeit mit kosovarischen Institutionen Verrat an der serbischen Nation, de facto werde damit die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt, argumentieren sie. Auch die Mitarbeiter des albanischsprachigen RTK-Nachrichtenmagazins Jeta në Kosovë (Leben im Kosovo) wissen, was dieser Vorwurf bedeuten kann. Nach einer kritischen Reportage über einen lokalen Provinzfürsten im Jahr 2010 brach eine Kampagne über die verantwortliche Moderatorin und Produzentin herein, angeführt von einer regierungsnahen Zeitung. Ihr wurde mangelnder Patriotismus und Verrat unterstellt. Man warf ihr vor, im Auftrag Serbiens als Spionin zu arbeiten. Umso ermutigender sind die Erfolge, die die Journalisten des Senders vorzuweisen haben.

Shalla beschreibt einen dieser Erfolge: Die Menschen bekommen jetzt echte Debatten und unterschiedliche Sichtweisen auf die Realität zu sehen. Früher sahen sie im kommunistischen Staatsfernsehen keine normalen Leute, die über ihre Probleme sprachen. Berichtet wurde aus der Perspektive der Regierung, selten kam die Opposition zu Wort. Die kritischen Berichte der Nachkriegsjournalisten waren für die alten Hasen schlechter Journalismus. Doch mithilfe der internationalen Unterstützer setzten sie sich durch. Vorreiter ist für das Fernsehen vor allem Jeta në Kosovë. Im Anschluss an einführende Filmbeiträge diskutieren hier die Moderatoren mit Studiogästen über das Thema der Sendung. Sie unterbrechen ihre Gäste, wenn sie ausweichend auf die gestellten Fragen antworten, mitunter sehr nachdrücklich. Als das Format 2005 auf Sendung ging, kam diese Form der Interviewführung mit Politikern einem Tabubruch gleich, was den Einschaltquoten und dem aufklärerischen Anspruch der Macher aber keineswegs abträglich war. Der Erfolg der Sendung von Repic zeigt zudem, dass die Zuschauer ein differenzierteres Bild der Verhältnisse schätzen.

Nach dem Aufbruch

Es gibt jedoch Anzeichen dafür, dass die Entwicklung einer kritischen vierten Gewalt stagniert. Für viele Journalisten stellt ein Wechsel in die Politik eine lukrative Karriereoption dar. An prominenten Beispielen fehlt es nicht. Einige der jungen Journalisten sollen gar an ihrem persönlichen Stil im Hinblick auf dieses Ziel feilen. Auf der anderen Seite könnte eine Professionalisierung der Aus- und Weiterbildung hohe journalistische Standards sichern. Die heute nachrückende Generation hat Journalismus oder verwandte Fächer studiert. Viele haben sich zusätzlich in Einrichtungen internationaler Organisationen weitergebildet oder Lehrgänge an Universitäten oder in Medieneinrichtungen im Ausland besucht. So bietet etwa die Europäische Kommission den Journalisten Kurse zum Beitrittsverfahren für Kandidatenländer an. Das norwegische Außenministerium finanziert das Kosovo Institute for Journalism and Communication (KIJAC), ein Institut mit Journalismus-Dozenten von Universitäten in aller Welt.

Dort belegt Arta Berisha (23) den Studiengang Journalism. Sie arbeitet hauptberuflich als Kosovo-Korrespondentin für den albanischen Fernsehsender Top Channel und erzählt, dass sich Journalismus im Kosovo mit ihrer Generation ändert. 2007 sei der typische Journalist jemand gewesen, der hauptsächlich mit internationalen Leuten gearbeitet hat. „Sie verhalten sich, als wüssten sie alles. Aber für sie gilt etwas nur dann als Journalismus, wenn der Premierminister, der Präsident oder ein Minister interviewt wird, wenn es darum geht, dass die Regierung oder die UN-Verwaltung Fortschritte erzielen“, sagt sie. Sie kritisiert die große Nähe zwischen Journalisten und der Politik: „Wir machen das besser. Wir arbeiten wirklich im Interesse der Öffentlichkeit, behandeln Probleme, kritisieren die Regierung und hinterfragen ihre Positionen.“

Gerade den jungen Journalisten liegen die alltäglichen Probleme der Menschen am Herzen. Im Winter fällt in ganzen Dörfern die Heizung aus, die Wasserversorgung funktioniert nicht, der miserable Zustand der Schulen bessert sich nicht. Nachdem jahrelang die politische Unabhängig­keit, die Machtvertei­lung und der Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern die öffentliche Diskussion bestimmt haben, sehnen sich die jungen Journalisten danach, andere Themen zu behandeln.

Dabei ist ihr Verständnis von Professionalität geprägt von den Erfahrungen des letzten Jahrzehnts. Objektivität zum Beispiel bedeutet für viele vor allem, dass auch die Stimmen der serbischen Gemeinschaft und die der anderen Minderheiten Gehör finden. Viele grenzen sich deutlich von ihren unmittelbaren Vorgängern und ihrem zu engen Verhältnis zur politischen Elite ab und wollen eine neue Phase des Journalismus beginnen. In der Hinwendung zum Alltag der Bevölkerung und der Überwindung der Politisierung aller Lebensbereiche sehen sie eine Chance, dass sich das Leben der Menschen endlich verbessert.

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