„Glück, dass ich überhaupt noch lebe“ (2018)

Erschienen im Kölner Stadt-Anzeiger, 9. August 2018

Am 12. Februar diesen Jahres gingen zwei Pferde im Rosenmontagszug durch, die vor eine Kutsche gespannt waren. Vier Zugteilnehmer wurden dabei verletzt. Das Festkomitees geht nach einer eigenen Untersuchung des Vorfalls davon aus, dass „ein Wurfgeschoss“ ursächlich für das Verhalten der Pferde war. Anschließend entschied das Komitee, auch im nächsten Jahr Pferde im Zug zu erlauben. Die Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft richten sich „gegen Unbekannt“ und dauern noch an. Eine Ursache stehe „bislang noch nicht eindeutig fest“. Mit Ergebnissen sei „mittelfristig“ zu rechnen. Die Grünen hatten die vorzeitige Festlegung des Festkomitees kritisiert und angekündigt, ein Verbot im Stadtrat zur Diskussion zu stellen. Auch Bürger hatten sich mit einem ähnlichen Anliegen an den Beschwerdeausschuss des Rates gewandt. Über die Eingabe ist noch nicht entschieden.

Herr Arnold, im Rosenmontagszug mitzugehen ist für viele Kölner ein Traum. Sie waren in der Fußgruppe der Treuen Husaren und wurden bei einem Unfall mit einer Kutsche schwer verletzt. War das ihr erster Zug?

Ich bin zwar bekennender Karnevalist, aber kein Mitglied beim Treuen Husaren. Im Rosenmontagszug mitzugehen war ein lang gehegter Wunsch und schließlich ein Geschenk zu meinem 60. Geburtstag. Seit vielen Jahren gehe ich als Lehrer und Schulleiter jedes Jahr bei den Schull- un Veedelszöch mit. Auf die Treuen Husaren ist meine Wahl gefallen, weil ich dort gute Freunde habe.

Wie haben Sie den Unfall erlebt?

In der Neven-Dumont-Straße merkte ich, dass unsere Gruppe sehr weit auseinander gezogen war. Die Straße ist sehr breit und es entstand eine große Lücke im Zug. Ich wollte meinen Gang nicht zu sehr beschleunigen, weil das zu Kettenreaktionen führt, die aus einem Zug schnell einen Lauf werden lassen. Ich ging also munter werfend weiter, hatte gerade noch einen Schüler entdeckt und ihm etwas zugegesteckt. Dann war ich wieder zurück auf dem Zugweg. Plötzlich merkte ich wie ich von hinten einen Stoß erhielt und unglaublich beschleunigt wurde, ohne zu wissen warum. Ich flog einfach nach vorne auf die Straße. Dann merkte ich, wie etwas über mich hinweg zog, wurde mitgerissen, losgelassen, wieder mitgerissen und wieder losgelassen. Ich wusste nicht, unter was ich da gekommen war.

Sie wurden mitgeschleift, wussten aber nicht wodurch?

Ja. Ich wusste nicht, dass hinter mir überhaupt eine Kutsche war. Eigentlich war hinter uns die ganze Zeit ein Mottowagen. Ich dachte, wenn du unter den geraten bist, wirst du das nicht überleben. Es gibt ein Video von dem Unfall. Man sieht darin, wie die zwei andere Opfer des Unfalls von der Kutsche überrollt werden. Mich sieht man nur kurz bevor ich mitgeschleift wurde und wie ich danach auf der Straße liege.

Erinnern Sie sich an alles?

Ich habe in keiner Sekunde einen Filmriss gehabt. Ich bin, nachdem ich von der Kutsche überfahren worden bin, auf dem Bauch liegen geblieben. Ich wusste jetzt erstmal, dass ich überlebt hatte. Weil ich höllische Rückenschmerzen hatte, war der nächste Gedanke: Bitte, keine Querschnittslähmung! Ich bewegte erst meine Finger, dann meine Füße. Als sich beides bewegen konnte, war ich erst einmal beruhigt. Den Ersthelfern, die unheimlich schnell bei mir waren und sich um mich gekümmert haben, habe ich nur gesagt: Nicht bewegen! Das haben die auch befolgt.

Sie erzählen das so nüchtern. Waren Sie panisch?

Nein. Ich hatte das Gefühl, ich wusste, was passiert war. Ich fragte nach meinem Freund, der Arzt ist und neben mir im Zug gegangen war. Er hatte aber nicht mitbekommen, dass ich betroffen war. Er hat sich um die anderen Verletzten gekümmert. Der Oberarzt der Unfallchirurgie aus der Uniklinik, ebenfalls Treuer Husar, war aber sofort bei mir. Ich wurde von ihm und allen anderen anschließend bestmöglichst versorgt.

Ein glücklicher Zufall. Ja.

Es waren so unendlich viele Leute in der Nähe, die passende medizinische Kenntnisse hatten. Vielleicht ist der Karnevalszug einer der günstigeren Orte für einen Unfall.

Wann haben Sie denn die Kutsche gesehen?

Gar nicht – weder vorher noch nachher. Ich lag auf dem Bauch und habe mich nicht mehr bewegt, trotz der Schmerzen.

War Ihre Familie in der Nähe?

Nein. Meine Frau hatte ich 500 Meter vorher passiert. Sie wusste von gar nichts. Meine Nachbarin, vor deren Augen der Unfall passiert war, besorgte sich die Handynummer meiner Frau, rief sie an und sagte ihr, was geschehen war. Meine Frau musste dann recherchieren, in welchem Krankenhaus ich liege. Sie machte sich entsprechend besorgt auf den Weg, mich zu suchen.

Sie kamen in die Uniklinik.

Ja. Ich wurde mit dem Rettungswagen dorthin gebracht und hatte mir vorgenommen: Das überlebst du.

Welche Verletzungen hatten Sie?

Auf der rechten Seite hatte mich, das vermute ich, das Knie des Pferdes getroffen. Daher die Frakturen von mehreren Rippen und den Querfortsätzen verschiedener Wirbelkörper entlang der Wirbelsäule. Und die Lunge war perforiert. Ich hatte nur ein paar Schrammen im Gesicht. Mein Glück: der Treue Husar trägt den Kolpak als Kopfschmuck. Er ist mit Pelz besetzt, und wirkt im Grunde wie ein Helm.

Konnten Sie atmen?

Ja, unter starken Schmerzen.

Wie lange waren Sie außer Gefecht?

Ich war eine Woche im Krankenhaus – die ersten Tage auf der Inntesivstation –, danach drei Wochen zu Hause. Dann bin ich wieder in die Schule gegangen und habe mehr oder wenig erfolgreich versucht, die Arbeit zu reduzieren. Jetzt habe ich noch Schmerzen im Rücken, wenn ich mich anlehne oder mich bücke. Ich bin ja auch Sportlehrer, erteile seitdem aber keinen Sportunterricht und unterlasse sportliche Aktivitäten, bei denen ich auf den Rücken fallen könnte.

Wie geht es Ihnen denn psychisch?

Komplett okay. Ich war neulich in Holland auf einer Pferdeveranstaltung, wo die Tiere schwere Gewichte ziehen mussten. Ich war in Weimar, wo es viele Straßenkutschen im Stadtverkehr gibt. Ich werde jetzt nicht panisch, weil sich Pferde in der Nähe befinden. Inzwischen schaue ich etwas länger, wenn ich eine Straße überquere, ob von hinten ein Fahrzeug kommen könnte.

Wie haben Sie die Diskussion um Pferde im Rosenmontagszug erlebt?

Probleme gab es ja auch vorher schon. Diese Bewegungs- und Verhaltensmuster, wenn Pferde sich problematisch verhalten, kennen wir alle. Die haben wir alle schon einmal gesehen. Ich habe mich allerdings nicht so sehr mit den Reitpferden auseinandergesetzt. Mich interessierte mehr, wie das Zusammenspiel von Kutsche und Zugpferden funktioniert. Ich hätte nie gedacht, dass von Kutschen eine solche Gefahr ausgeht.

Sie halten die Kutschen im Zug für das größere Problem?

Sagen wir so: Da kann ich eher etwas zu sagen, weil ich mich damit beschäftigt habe. Ob man diese Einschätzungen generalisieren sollte? Ich persönlich denke: Ja. Für mich stellen Pferde im Rosenmontagszug heute keinen integralen Bestandteil mehr dar.

Das heißt, dem Zug würde ohne Pferde nichts Wesentliches fehlen?

Die Idee des Karnevals ist es, sich unter anderem über sich selbst lustig zu machen. Das kann ich bei der Beteiligung von Pferden nicht erkennen. Es gibt doch mittlerweile übergroße Pferde auf Rädern, Steckenpferde oder ein Pferdekarussel im Zug. Das finde ich viel lustiger und auch karnevalistischer.

Aber Sie differenzieren.

Ja, denn ich bin ja nicht das Opfer eines Reitpferdes geworden, sondern das Opfer einer Kutsche.

Pferde sind Teil der Tradition, so argumentiert unter anderem das Festkomitee. Würden Sie das anders sehen?

Nein, das ist so. Dass man früher alles mit dem Pferd gezogen hat, ist richtig. Es gab ja aber keine Alternative. Heute werden die großen Wagen von Traktoren gezogen. Und hier bemüht auch keiner die Tradition. Aber wenn man heute neue Erkenntnisse über die Gefahren hat, muss man Traditionen auch aufgeben, um die Karnevalisten zu schützen. Die Massenveranstaltung heute ist weitaus anstrengender für die Tiere als früher. Ein Verwandter, der eine Vielzahl an Pferden besitzt, sagte mir: Das Besondere an einem Pferd ist, dass es sich reiten lässt und Kutschen zieht. Dieses Verhalten dann auch noch unter solchen extremen Umständen zu erwarten, ist eine völlige Überforderung eines jeden Pferdes. Da sehe ich auch nicht den Gewinn für die Zuschauer.

Wen würden Sie für Ihren Unfall verantwortlich machen?

Man hat ja die ganze Zeit einen Schuldigen gesucht und auch gehofft, jemanden zu finden. Aber es gibt keinen. Was in der Zeitung steht, dass Sachen geworfen worden sein sollen, halte ich für fragwürdig.

Waren Sie in die Ermittlungen involviert?

Ich habe Anzeige erstattet und einen Anwalt eingeschaltet, denn ich war ein Opfer dieses Unfalls. Die Staatsanwaltschaft hat aber bislang keinen Schuldigen ausmachen können. Daraus muss ich doch folgern, dass die Umstände des Zugs, nämlich überhaupt Pferde mitzunehmen, verantwortlich sind. Die konkrete die Situation, dass auf einmal soviel Platz war, dass die Kutsche derart beschleunigen konnte, hat dann direkt zu den ersten Unfällen geführt. Ich habe den Eindruck, dass vielen gar nicht klar ist, dass wir, die Betroffenen und der Kölner Karenval, totales Glück gehabt haben.

Was meinen Sie?

Ich habe persönlich habe richtiges Glück gehabt, dass ich überhaupt noch lebe und mir nicht mehr passiert ist. Die anderen verletzten Husaren haben genauso Glück gehabt. Was viele nicht wissen: Nachdem die Kutsche uns überrollt hatte, standen die Pferde für ca. 10 Minuten still. Dann gingen sie ein zweites Mal durch – ohne, dass irgendeine Einwirkung von außen. Dass vor dem Lkw, in den sie dann mit der Kutsche geprallt sind, keine Kinder mehr standen, war ein unglaubliches Glück. Kurz vorher hatten dort noch viele Kinder den Zug angeschaut. Nicht auszudenken, was passiert wäre. Wären tatsächlich Kinder und Zugteilnehmer gestorben, würde heute kein Mensch mehr über Pferde im Karnevalszug nachdenken. Dass es nicht so gekommen ist, liegt nicht an den Vorkehrungen durch das Festkomitee.

Sollten Kutschen verboten werden? Christoph Kuckelkorn hat genau diese Entscheidung in Düsseldorf als „impulsiv“ kritisiert.

Diese Pferde, Kaltblüter, sind derart stark, dass sie große gefällte Bäume wegschleppen können. Eine gebremste Kutsche ziehen sie fast genau so schnell weiter, als wäre sie ungebremst. Der Kutscher kann nur lenken, eventuell ein bisschen bremsen. Deswegen ist meine Position zur Kutsche ganz klar. Nicht ohne Grund sitzt auf der Kutsche der englischen Königin nicht nur ein Kutscher, sondern auf dem ersten Pferd auch ein Reiter, der im Zweifelsfall eingreifen kann, wenn die Pferde durchgehen.

Würden Sie noch einmal mitlaufen?

Es kann sein, dass mir die Husaren das Angebot machen, um doch einmal den ganzen Zugweg gegangen zu sein. Ich würde annehmen, wenn sie als ein Zeichen auf Kutschen im Rosenmontagszug verzichten würden.

 

Vita

Meinolf Arnold, 61 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Söhne, leitet seit 2011 das Friedrich-Wilhelm-Gymnasium. Vorher war er stellv. Schulleiter am Dreikönigsgymnasium. Er ist in Köln aufgewachsen.

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