Gottesdienst in Köln: Wenn Christen und Muslime zusammen beten (2015)

Erschienen am 13. März 2015 im Kölner Stadt-Anzeiger

Hans Mörtter und Rabeya Müller bieten den wohl ersten christlich-muslimischen Gottesdienst an in der Lutherkirche in Köln. Wir haben die beiden Geistlichen vorher zum Gespräch gebeten.

Ist ein christlich-muslimischer Gottesdienst nötig?

Rabeya Müller: Ja, mehr denn je. Wir brauchen keine Abgrenzung voneinander, sondern ein Miteinander. Für uns hat sich das geradezu natürlich ergeben, weil unsere Gemeinde in der Lutherkirche Unterschlupf gefunden hat.
Hans Mörtter: Wir hatten schon Gesprächsabende, haben miteinander gefrühstückt. Da war klar, dass das in einen Gottesdienst mündet. Die Ereignisse Anfang des Jahres haben das noch beschleunigt. Wir müssen zeigen, dass es eine andere Normalität gibt.

Haben Sie über Sicherheitsvorkehrungen nachgedacht?

Müller: Das ist mir kurz durch den Kopf geschossen. Und dann habe ich gedacht: Ich vertraue auf einen gewissen Kölner Geist. Ich hoffe, dass Menschen, denen das nicht gefällt, sich verbal mit uns auseinander setzen.

Haben Sie, Herr Mörtter, Ihrem Kirchenverband Bescheid gesagt?

Mörtter: Ja, ich bin vorsichtiger als früher. Die befürworten das. Gut möglich, dass sich manch einer dennoch fragt, ob man da nicht erstmal noch diskutieren muss, wie unsere Gottesvorstellungen sind, oder so. Das wäre so typisch evangelisch: vorsichtig sein, erstmal ganz viel denken. Aber das haben wir alles schon gemacht mit den Gemeinden. Wir haben gefragt, gestaunt und uns überraschen lassen.

Gibt es Vorbilder für Ihren Gottesdienst?

Mörtter: Ich glaube wir sind die Ersten. Die Frage ist: Können wir gemeinsam zu Gott beten? Das wurde bislang ausgeschlossen auf beiden Seiten.

Ein anderer Landesverband rät ausdrücklich von gemeinsamen Gottesdiensten ab, weil man nicht denselben Gott anbetet, nicht dieselbe Vorstellung von ihm hat. Und weil man das religiöse Empfinden der jeweils anderen verletzen könnte.

Mörtter: Um solche Fragen kümmere ich mich nicht mehr. Dahinter steht Angst. Ähnliche Diskussionen hatten wir um Trauungen von Schwulen und Lesben in den 1990er Jahren. Angst oder Fremdheit muss ich ernst nehmen, darüber reden, die direkte Begegnung suchen. Aber von solchen angeblichen Ängsten von irgendwem darf man sich nicht erpressen lassen.

Beten Sie denselben Gott an?

Mörtter: Ja, sicher. Wir haben nur den einen Gott.
Müller: Wenn es nur einen gibt, wäre alles andere verschroben.
Mörtter: Mir wird doch nichts genommen, wenn wir zugestehen, dass wir den gleichen Gott anbeten. Wir haben verschiedene Vorstellungen, Kulturen und Traditionen. Die sind erlaubt, das ist okay. Wir machen aber das Gegeneinander nicht mit.
Müller: Schon innerhalb einer Religionsgemeinschaft gibt es doch unterschiedliche Gottesvorstellungen. Wie die zu beurteilen sind, würde ich gerne diesem einen Gott überlassen und nicht irgendwelchen Vorschriften.

Was trennt Sie? Wird man das im Gottesdienst am Sonntag merken, vielleicht beim „Vater Unser“?

Der Pfarrer und die Imamin
„Machen das Gegeneinander nicht mit“: Pfarrer Hans Mörtter und Imamin Rabeya Müller

Mörtter: Wir stellen eher in den Vordergrund, was uns verbindet.
Müller: Das „Vater Unser“ ist sicher kein Problem für uns Muslime. Sprichst du das eigentlich in der männlichen Form?
Mörtter: Beim Segen sage ich immer: „Sie ist euch gnädig.“ (lacht)
Müller: Die Auffassung von Gott als Dreieinigkeit ist natürlich immer so eine Sache.
Mörtter: …Vielgötterei!
Müller: Ja. Aber wie ich gelernt habe, wird das auch auf christlicher Seite sehr unterschiedlich gesehen. Einen gravierenden theologischen Unterschied gibt es in der Frage, ob Jesus gekreuzigt wurde oder nicht. Ob er Gottes Sohn oder Mensch ist. Aber Gott sei Dank sind einige evangelische Gemeinden ja sehr flexibel.
Mörtter: Klar, das ist ein Unterschied. Bei euch ist Jesus ein großer Prophet.
Müller: Ein richtig großer. Sein Name wird öfter im Koran erwähnt als der von Mohammed.
Mörtter: Für uns ist Jesus eine Erscheinungsform Gottes.
Müller: Aber das geht ja nicht verloren, nur weil wir zusammen beten.
Mörtter: Es gibt auch bei uns Gläubige, die eher Gott, den Vater, den Schöpfer anbeten. Andere beten Christus an. Die Christen in Lateinamerika beten Maria an. Ich habe das lange nicht verstanden. Aber das ist die große Mutter Erde, die alte indianische Gottheit, die in die christliche Maria hinein transportiert wurde. Das finde ich herrlich.

Wie gestalten Sie den Gottesdienst? Mit Gebeten, Suren, Bibelversen, Liedern, Gleichnissen?

Mörtter: Ja. Mit klassischen Elementen aus beiden Religionen. Wir werden die Predigt nicht vorher ausarbeiten und ablesen. Das wird leider bei vielen muslimisch-christlichen Veranstaltungen so gemacht, um ja nichts Falsches zu sagen. Das Kernstück unseres Gottesdienstes wird ein freies Gespräch sein, in dem wir über den barmherzigen Gott reden.

Werden die heiligen Bücher einbezogen?

Müller: Ich werde Koransuren rezitieren auf Arabisch. Im Begleitheft wird die deutsche Übersetzung stehen. Auch den Gebetsruf werden wir vortragen. Wir hätten gerne, dass das ein muslimischer Flüchtling übernimmt.
Mörtter: Wir können den Koran auch auf den Altar legen, oder?
Müller: Können wir machen.

Welche Lieder werden Sie singen?

Mörtter: Unter anderem wird eine aktualisierte Version des Stammbaums von den Bläck Fööss mit der Zeile: „Ich bin aus Afrika. Bin mit dem Boot gekommen“ gesungen.
Müller: Das Original-Lied steht auch in dem islamischen Schulbuch, das ich mit herausgegeben habe.

Glauben Sie, dass die Gläubigen auf gemeinsame Gottesdienste gewartet haben?

Müller: Die meisten setzen das doch schon längst um. Gemeinsame Hochzeiten sind Normalität. Mörtter: Wir haben so viele Mischfreundschaften, gerade bei jungen Leuten. Die gehen in die Disco, feiern Geburtstag und machen sonst was zusammen.
Müller: Das Miteinander können wir nicht ausschließen.

Die Personen

Hans Mörtter, 59, ist seit 1987 Pfarrer der evangelischen Lutherkirchengemeinde in der Südstadt. Zuvor arbeitete er unter anderem ein Jahr lang in Bogotá, Kolumbien.
Rabeya Müller, 58, Islamwissenschaftlerin und Pädagogin, hat Schulbücher für den muslimischen Religionsunterricht herausgegeben. Als Imamin – eine von höchstens einer Handvoll in ganz Deutschland – leitet sie die Gebete der Muslimischen Gemeinde Rheinland. Sie nutzt dafür Räume in der Lutherkirche. (phh)

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.