„Ich bin toll. Und ich bin ein schöner Junge“ (2012)

PDF: „Ich bin toll. Und ich bin ein schöner Junge“, KStA vom 2. Oktober 2012, S. 33

Der 16-jährige Yannick Kuhn lernt in einer Klasse mit Nicht-Behinderten und ist als Eis-Verkäufer im Friedenspark bekannt

Innenstadt. Neun Uhr morgens: An einem Tisch im Flur der Michaeli-Schule sitzt Yannick Kuhn neben seiner Schulhelferin. Es ist still, Linoleum-Geruch hängt in der Luft. Drinnen, im Klassenzimmer der Elften, lesen Yannicks Schulkameraden aus dem mittelalterlichen Parzival und diskutieren über den Charakter des Ritters.Yannick liest draußen, laut, langsam und Buchstabe für Buchstabe. Der 16-Jährige kam mit Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom, auf die Welt. Und er ist glücklich in seiner Klasse.

Er liest eine Version des Parzival mit stark vereinfachten Sätzen. Um die Wörter deutlich zu artikulieren, muss er sich anstrengen. Nach kurzer Zeit kehrt er in den Klassenraum zurück, setzt sich zusammen mit seiner Schulhelferin auf seinen Platz in der letzten Reihe. Wenn Yannick schreibt, formt er die schwierigen Wörter mit seinen Händen. Die Gebärdensprache hat ihm geholfen, Schreiben und Lesen zu lernen. Wenn seine Schulhelferin ihn anweist, ein Wort noch einmal zu schreiben, zeigt er mit seinem Daumen auf sie und erklärt:„Mein Boss“. Und wenn er gar keine Lust mehr hat, legt er die Hände vor seinem Körper zusammen und bittet um „Gnade, euer Lordschaft, Gnade“. Er hat einmal den Diener im Stück „Das Gespenst von Canterville“ gespielt. Immer wieder umarmt Yannick seine Mitschüler. Lehrerin Philippa Bertram versucht, neue Mitschüler darauf vorzubereiten. „Wenn es zu viel wird, muss man »stopp« sagen“, erläutert sie. Gewöhnungsbedürftig sei das nur am Anfang. Alle neuen Klassenkameraden hätten sich schnell auf Yannick eingestellt.

Vielleicht führt der Weg in die Klassengemeinschaft sogar über ihn. „Yannick ist ein sehr wichtiger Faktor in der Klasse, auf der Gefühlsebene“, sagt Siegfried Cremers, dienstältester Lehrer und einer der Gründer der Schule an der Loreleystraße. „In diesem Alter lässt man als Jugendlicher für gewöhnlich seine Gefühle nicht raus. Yannick ist anders.“ Drei weitere Schüler, die körperlich eingeschränkt sind oder Lernschwierigkeiten haben, gehen in seine Klasse. Eine Sonderpädagogin hilft den Lehrern während des Unterrichts. Oft sind die Erwachsenen zu dritt, mit Yannicks Schulhelferin. In manchen Fächern wie etwa Englisch werden die Förderschüler getrennt unterrichtet.

Immer freitags nach der Schule geht Yannick arbeiten. Auf dem Bauspielplatz im Friedenspark kennt jeder den Jungen, der hier Eis am Stiel verkauft. Bei gutem Wetter aus einer der Bretterbuden heraus, die auf dem Gelände stehen. An regnerischen Tagen an einem Tisch, den er mit den Mitarbeitern vor der Speisekammer im Inneren der Jugendeinrichtung aufgestellt hat. Im Urlaub in Portugal hatte Yannick einen Eisverkäufer beobachtet, der am Strand in einer Holzhütte stand. Sie erinnerten ihn an die Hütten im Baui, wie das Jugendzentrum genannt wird, und Yannick wusste: Das will er auch machen. Vor ihm liegt ein Blatt Papier, auf dem 20- und 10-Cent-Münzen in Originalgröße abgebildet sind. Er hält die Münzen eines kleinen Mädchens über die Abbildungen und schaut, ob sein Geld reicht.

Als ihr Sohn anderthalb Jahre alt war, musste Vera Schumacher-Kuhn hart dafür kämpfen, dass Yannick in einen regulären Kindergarten gehen durfte. Sie setzte das Kleinkind auf den Schreibtisch des verblüfften Schuldezernenten, um ihrem Wunsch den nötigen Nachdruck zu verleihen. Die Behörden gaben nach. Mit sieben wurde Yannick eingeschult. Eine Schule für „geistig Behinderte“ kam nicht in Frage. Die Michaeli-Schule, eine Waldorfschule, war die einzige, die ihn aufnehmen wollte. „Er muss konstant gefördert werden“, nahm sich Yannicks Mutter schon kurz nach seiner Geburt vor. Ein Training der Sprachmotorik und Ergotherapie galt es zu organisieren. „Wir mussten ihm beibringen, dass er die Hände nach vorne nimmt, wenn er fällt“, erinnert sie sich. Wie viele Menschen mit Down-Syndrom leidet Yannick an Begleiterkrankungen. Er verträgt kein Gluten, muss auf fast alle Getreideprodukte verzichten.

Schumacher-Kuhn bemüht sich außerdem darum, dass Yannicks sieben Jahre älterer Bruder nicht zu kurz kommt. Ihre eigenen Bedürfnisse müssen oft zurückstehen. „Wenn ein Down-Kind sich nicht geborgen fühlt, fällt es in der Entwicklung zurück“, sagt sie. Sie hat Geduld gelernt, die sich auszahlt. „Er verbreitet Glück“, sagt sie, „er bringt die Menschen zusammen.“

Yannick sitzt neben Sophia Hennig in der Bahn und albert herum. In Weidenpesch, wo Yannick mit seinen Eltern wohnt, sind sie eingestiegen. Am Hansaring wollen sie an diesem Nachmittag DVDs kaufen, bevor sichYannick mit der 25 Jahre alten Studentin an seine Hausaufgaben setzt. „Sophia ist eine alte Oma“, stichelt Yannick. Die junge Frau grinst zurück. Gleich darauf legt er seinen Arm um sie, schmiegt seinen Kopf an ihre Schulter. Seit vier Jahren verbringt Hennig jedeWoche zwei bis drei Stunden mit Yannick. Sie studiert Sonderpädagogik auf Lehramt. Die Lebenshilfe hatte sie damals an Yannicks Familie vermittelt. Seine Eltern haben dadurch etwas Zeit für sich. Sophia Hennig kennt ihn gut. Und sie kennt die Blicke der anderen. „Wir fallen auf“, sagt sie. Viele starren ihm hinterher. Nicht selten rücken die Leute zur Seite, wenn sich Yannick neben sie setzt. „Ich dachte, wir seien weiter“, sagt Hennig.

Sie kann schwer sagen, was Yannick davon mitbekommt. „Was schaust du mich so an“, hat er jemanden mal gefragt. Yannick sei ein wahnsinnig selbstbewusstes Kind, sagt seine Mutter. Er trägt ein Referat vor der Klasse vor, spielt in einem Theaterstück mit und tritt mit dem Schulzirkus auf. Seine Mitschüler würdigen seine Leistungen, belohnen ihn mit stürmischem Applaus. „Yannick hat uns permanent überrascht“, sagt Schul-Mitgründer Cremers. „Er weiß, dass er bestimmte Sachen nicht kann. Nur: Da machte er sich keinen Kopf drum. Vielleicht ist das eine Gnade.“ Ob Yannick seine Behinderung reflektiert, vermag auch seine Mutter nicht genau zu sagen. Sie hat früher versucht, mit ihm darüber zu sprechen, auf Anregung der Schule. „Yannick, du weißt, dass ihr in der Klasse ein paar Kinder seid, die nicht so schnell lernen wie die anderen“, setzte sie an. Yannick entgegnete prompt: „Mama, ich bin toll. Und ich bin ein schöner Junge.“ Dem gab es nichts entgegenzusetzen.

Advertisements

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.