Nachhalten statt Verscheuern

Wien, das Rote Wien, wird oft als Vergleich herangezogen, wenn die Probleme der großen deutschen Städte beklagt werden. Ein großer Anteil von Sozialwohnungen, erschwingliche Mieten und wenig Eigentumswohngen – für Mieter ein Paradies, wenn all das stimmt, was man über Wien sagt. Dass das nicht unbedingt der Fall ist, schrieb schon vor ein paar Monaten Justin Kadi im Blog Urbanizm, mit einer gehörigen Portion Spott für die deutschen Medien und Verweis auf die Marketingbemühungen der Wiener Stadtverwaltung.

Die häufigen Referenzen zu Wien als Paradies könnte man aber vielleicht auch auf die Verzweiflung progressiver Stimmen in der deutschen wohnungspolitischen Debatte zurückführen. In der Tat, hier wird nach Orten und Städten gesucht, in denen die Situation nicht ganz so schlimm ist wie in Deutschland. In denen sozialer Wohnungsbau nicht hochgradig ausverkauft wurde und die Gemeinnützigkeit gesetzlich eingestellt wurde, wie in der Bundesrepublik. Und wenn es dann auch noch diese Ausstellung gibt, die einem erklärt, wie gut das in Wien noch alles funktioniert, und das schön anschaulich. Da hat man den Artikel für die nächste Zeitungsausgabe schnell fertig getippt.

Auch im Gespräch mit den Kollegen in Köln tauchte Wien jüngst als Referenz auf. Es ging um das erste Grundstück der Stadt Köln, das nicht an den Meistbietenden verscheuert wird. (Andere Städte machen ähnliches.) Zu 80 Prozent entscheidet das Konzept, das die Bewerber vorlegen müssen, über den künftigen Eigentümer.

Konzepte für eine gerechtere Stadt

Statt zur Sanierung des Haushalts trägt der Verkauf eines städtischen Grundstücks damit zur Gestaltung der Stadt bei. Ob sie dadurch auch ein Stück gerechter werden kann? Danach klingt zumindest das erste Ziel im Leitfaden zur Konzeptvergabe.

Durch die Vergabe städtischer Grundstücke nach Konzeptqualität erhofft sich die Stadt Köln einen Beitrag zur Schaffung bezahlbaren, zielgruppengerechten, energieeffizienten, ökologischen und/oder auch städtebaulich attraktiven Wohnungsbaus zu leisten.

Im Gegensatz zu anderen Städten wollen die Kölner auch kleinere Grundstücke auf diese Weise vergeben. Was hilft der Vergleich mit Wien an dieser Stelle? Die Österreicher sorgen systematisch dafür, dass die Stadt über ausreichend Flächen verfügt. Für verkaufte Grundstücke werden neue angekauft. Denn – und diese Hoffnung steckt eben auch hinter der Idee der Konzeptvergabe – sie sind ein wichtiger Hebel, wenn Stadtentwicklung nicht allein von Renditeerwartungen getrieben sein soll. Grundstückspreise sind vielleicht der wichtigste Kostentreiber für neue Wohnungen.

Kleine Hebel

Für einen grundsätzlich anderen, viel stärker am Gemeinwohl orientierten Umgang mit dem Gut Boden spricht sich etwa das Immovielien-Netzwerk der Montag-Stiftung Urbane Räume aus. Das jüngst ausgeschriebene Grundstück im Kölner Süden jedenfalls ist ein kleiner Hebel: 6121 Quadratmeter für 2,5 Millionen Euro Mindestpreis

Ernüchternder als die Größe sind aber die Anforderungen an das notwendige Konzept. Bewertet wird unter anderem, ob die künftigen Eigentümer in Eigenleistung tapezieren oder Böden verlegen können, ob gemeinschaftlich genutzte Bereiche vor den Häusern vorgesehen sind, ob auf die Umgebung „gestalterisch reagiert“ werden soll, ob Dachbegrünung, Windschneisen, Starkregenvorsorge berücksichtigt werden. Wie viel günstiger wird ein Haus, wenn die Käufer selber tapezieren? Wie viel fester wird die Nachbarschaft, wenn vor der Garage ein bisschen mehr Platz ist? Vier Wohnhäuser für Geflüchtete baut die Stadt selber auf dem Grundstück. Der Umgang damit gehört nicht zur „Bewertungsmatrix“ für das Konzept.

Kann Köln nachhaltige Bodenpolitik?

Zu hoffen bleibt, dass sich potenzielle Investoren, vor allem solche, die sonst keine Chance auf dem Grundstücksmarkt haben, mehr Gedanken machen als gefordert und ihr Konzept gut platzieren können. Inwiefern die Stadt Köln eine nachhaltige Bodenpolitik betreibt in dem Sinne, dass für das verkaufte Grundstück neuer Boden in städtischen Besitz gelangt, bleibt zu klären.

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